Bispezifische Antikörper
Was sind bispezifische Antikörper und wie funktionieren sie?
Bispezifische Antikörper sind im Labor hergestellte Proteine, die gleichzeitig an zwei unterschiedliche Zielstrukturen (Antigene) binden können – man kann sie sich also wie einen Antikörper mit zwei „Armen“ vorstellen, die jeweils eine andere Struktur greifen. Dies unterscheidet sie von “klassischen” Antikörpertherapien, die nur ein einziges Ziel erkennen können.
Meist wird dieses Prinzip genutzt, um mit einem Arm an eine Tumorzelle und mit dem anderen Arm an eine Immunzelle zu binden und damit beide in unmittelbare Nähe zu bringen. Dadurch werden die gebundenen Immunzellen aktiviert (meist T-Zellen). Diese setzen anschließend Botenstoffe frei, die die Tumorzellen angreifen und zerstören. Solche T-Zell-aktivierenden bispezifischen Antikörper werden auch als “Bispezifische T-Zell-Engager (bsTCE)” bezeichnet.
Andere bispezifische Antikörper sind so aufgebaut, dass sie zwei Signalwege von Tumorzellen gleichzeitig blockieren. Dies hemmt primär Zellwachstum und -teilung, weswegen solche bispezifischen Antikörper nicht zu den Immuntherapien zählen.
Welche bispezifischen Antikörper sind aktuell zugelassen?
Aktuell sind die meisten bispezifischen Antikörper als bsTCE zur Behandlung von Blutkrebserkrankungen zugelassen (z. B. Leukämien oder Lymphome).
Für solide Tumoren, die als Gewebemasse in Organen oder Körperstrukturen wachsen (z.B. Darmkrebs), stehen derzeit nur wenige dieser Wirkstoffe zur Verfügung. Das liegt unter anderem daran, dass solche Tumoren viele unterschiedliche Zielstrukturen besitzen, die teilweise auch auf gesunden Zellen vorkommen. Außerdem müssen die Medikamente auf ihrem Weg vom Blut zum Tumor das umliegende Bindegewebe durchdringen. Derzeit befinden sich jedoch zahlreiche weitere bispezifische Antikörper in Entwicklung und werden in klinischen Studien untersucht.
Im Folgenden finden Sie eine Übersicht über einige in Deutschland zugelassene bispezifische Antikörper. Diese werden zum jetzigen Zeitpunkt nicht nach der Erstdiagnose eingesetzt, sondern vor allem dann, wenn eine Krebserkrankung wiederkehrt (Rezidiv) oder nicht ausreichend auf die Standardtherapie anspricht (Progress).
| Bispezifische Antikörper | bsTCE? | Erkrankung |
|---|---|---|
| Blinatumomab | ✔ | Akute lymphatische Leukämie (B-Zell-Vorläufer-ALL) |
| Glofitamab | ✔ | Diffus großzelliges B-Zell-Lymphom (DLBCL) |
| Epcoritamab | ✔ | Diffus großzelliges B-Zell-Lymphom (DLBCL), Follikuläres Lymphom |
| Mosunetuzumab | ✔ | Follikuläres Lymphom |
| Teclistamab | ✔ | Multiples Myelom |
| Talquetamab | ✔ | Multiples Myelom |
| Tarlatamab | ✔ | Kleinzelliger Lungenkrebs (SCLC) |
| Amivantamab | ✖ | Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (NSCLC) |
Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Bispezifische T-Zell-Engager aktivieren das Immunsystem gezielt und verstärken die Abwehrreaktion gegen bösartige Zellen. Dabei können ungewollt auch gesunde Körperzellen betroffen sein. Im Folgenden werden die häufigsten Nebenwirkungen erläutert:
- Zytokinfreisetzungssyndrom (CRS): Durch die schnelle Aktivierung von Immunzellen kann es zu einer starken Immunantwort und vermehrten Freisetzung von Signalstoffen (Zytokinen) kommen, die auch gesunde Körperzellen beeinträchtigen können. Mögliche Beschwerden sind Fieber, Atemnot oder Sauerstoffmangel, Blutdruckabfall und Funktionsstörungen verschiedener Organe (z. B. Leber oder Herz). Die Symptome treten meist innerhalb der ersten Tage nach Beginn der Behandlung, seltener auch verzögert auf. Bei einem milden CRS reicht in der Regel die Behandlung der Beschwerden aus (z. B. fiebersenkende Maßnahmen oder Flüssigkeitsgabe). In seltenen Fällen (unter 5%) kann ein schweres CRS auftreten, das mit Medikamenten behandelt werden muss, welche das Immunsystem gezielt ausbremsen. Vorbeugend wird bei einigen bispezifischen Antikörpern während der Therapie Kortison verabreicht, um das Risiko für ein CRS zu senken.
- Immuneffektozellassoziiertes neurotoxisches Syndrom (ICANS): Bispezifische T-Zell-Engager können die Blut-Hirn-Schranke beeinflussen, wodurch entzündliche Signalstoffe ins Gehirn gelangen und dort Nervenzellen schädigen können. Typische Anzeichen sind Verwirrtheit, Sprachstörungen, Halluzinationen, Krampfanfälle bis hin zum Koma. Schwere Verläufe sind jedoch sehr selten und können in der Regel gut behandelt werden. In solchen Fällen ist eine Überwachung auf der Intensivstation sowie die Gabe von Kortison notwendig. Die Beschwerden bilden sich unter Behandlung meist wieder zurück. Ein ICANS tritt häufig zeitgleich mit einem CRS auf, ist jedoch ein eigenständiges Krankheitsbild.
- Blutbildveränderungen: Im Zusammenhang mit der Behandlung kann es vorübergehend zu Veränderungen der Blutbildung kommen. Dadurch können ein Mangel an weißen Blutkörperchen (Neutropenie), eine Blutarmut (Anämie) oder ein Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) auftreten. Je nach betroffener Blutzellart kann dies zu einem erhöhten Risiko für Infektionen oder Blutungen sowie zu Beschwerden wie Müdigkeit oder verminderter Belastbarkeit führen. Um solche Veränderungen frühzeitig zu erkennen, werden regelmäßige Blutbild-Kontrollen durchgeführt. Gegebenenfalls kann die Gabe von Blutkonserven notwendig sein.
- Infektionen: Durch die Beeinflussung des Immunsystems besteht unter der Behandlung mit bispezifischen Antikörpern ein erhöhtes Infektionsrisiko, insbesondere bei einer Neutropenie. Mögliche Infektionen reichen von Atemwegs- oder Harnwegsinfektionen mit alltäglichen Krankheitserregern bis hin zu Pilzinfektionen oder seltenen Virusinfektionen. Auch die Therapie eines CRS sowie eine längerfristige Kortisontherapie können das Infektionsrisiko erhöhen. Neben der gezielten Therapie der zugrunde liegenden Erreger (z. B. mit Antibiotika) kann auch die Gabe bestimmter vorbeugender Medikamente helfen, das Risiko für Infektionen zu verringern.
- Infusionsreaktion: Während oder kurz nach der Infusion kann es zu einer Infusionsreaktion kommen. Diese kann durch eine überschießende Immunreaktion oder seltener auch durch eine allergische Reaktion verursacht werden. Typische Beschwerden sind Fieber, Schüttelfrost, Hautausschlag, Atembeschwerden, Übelkeit oder Kopfschmerzen. Zur Behandlung werden antiallergische Medikamente verabreicht, die Infusionsgeschwindigkeit reduziert oder die Infusion bei Bedarf kurzzeitig unterbrochen.
Die Nebenwirkungen von bispezifischen Antikörpern sind von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie hängen unter anderem vom eingesetzten Medikament und der behandelten Erkrankung ab. Zusätzlich können einzelne Wirkstoffe noch weitere, spezifische Nebenwirkungen verursachen, über die Sie im Rahmen des ärztlichen Aufklärungsgespräches vor Therapiebeginn informiert werden.
Das Risiko für ein CRS oder ICANS ist vor allem während der ersten Behandlungen erhöht. Aus diesem Grund werden die ersten Gaben vieler bispezifischer Antikörper unter besonders engmaschiger ärztlicher Überwachung durchgeführt.
Bispezifische Antikörper, die keine T-Zell-Engager sind und Tumorzellen über andere Wirkmechanismen angreifen, können Nebenwirkungen verursachen, die eher denen klassischer Antikörpertherapien oder einer Chemotherapie ähneln.
Worauf sollten Sie achten?
Achten Sie auf mögliche Nebenwirkungen und Veränderungen Ihres Befindens. Viele Nebenwirkungen betreffen das Immunsystem und können verschiedene Organe betreffen.
Bei Beschwerden sollten Sie frühzeitig Ihr Behandlungsteam informieren. Typische Warnzeichen können sein:
- Fieber
- Verwirrtheit, Schwindel oder Sprachstörungen
- Atemnot
- Starke Müdigkeit
- Hautveränderungen
Wenn Sie sich unwohl fühlen, sollten Sie – wenn möglich – Ihre Vitalwerte messen:
- Körpertemperatur
- Blutdruck
- Herzfrequenz
- Sauerstoffsättigung
Genauere Informationen zur Messung und Interpretation dieser Werte sowie zum Erkennen eines Notfalls finden Sie im Bereich “Therapiemonitoring - Wie wir Ihre Behandlung im Blick behalten“.
Unsere Bitte an Sie
Um Sie auch zu Hause bestmöglich zu unterstützen, benötigen wir Ihre aktive Unterstützung. Bitte achten Sie aufmerksam auf Symptome und Veränderungen Ihres Befindens. Kontaktieren Sie uns bei Auffälligkeiten oder wenn Sie sich unsicher fühlen. Wenn Sie die Luscii-App nutzen, sollten Sie Ihre Angaben dort erfassen, damit wir schnell reagieren und Sie während der Therapie bestmöglich begleiten können.
Bei Fragen oder Anliegen sind wir jederzeit gerne für Sie da. Nutzen Sie dafür gerne unser Kontaktformular oder rufen Sie uns bei akuten Problemen direkt an.